Geschichte des Karate

Die Geschichte des Karate lässt sich an vielen Stellen nur lückenhaft nachvollziehen. Teilweise ist man auf Mutmaßungen angewiesen, die vor dem jeweiligen historischen Kontext den meisten Sinn ergeben, letztlich aber nicht belegt sind.

Der Herkunftsort des Karate, Okinawa, ist Teil der Ryukyu-Inseln und war in vergangenen Jahrhunderten aufgrund der günstigen Lage zwischen Japan und dem chinesischen Festland einer der wichtigsten Handelsknotenpunkte der Region. Die okinawanische Kultur enthält daher auch Einflüsse aus Japan, China und Thailand.

Zur Zeit der chinesischen Tang Dynastie (618-907) florierte vor allem der Handel zwischen China und Okinawa. In Japan entwickelte sich das Interesse für chinesische Waren erst später während der Ming Dynastie (1368-1664), was die Handelskontakte zu Okinawa intensivierte. Von den drei Königreichen Hokuzan („Nördliche Berge“), Chūzan („Zentrale Berge“) und Nanzan („Südliche Berge“) erwies sich Chūzan als das stärkste. König Hashi einte die Insel Okinawa im Jahr 1429 erstmals und begründete die erste Shō-Dynastie, die von den chinesischen Machthabern der Ming-Dynastie anerkannt wurde und diesen Tribut entrichtete.

Nach der Niederlage des japanischen Shimazu-Clans gegen den Tokugawa-Clan im Jahr 1609 wurde den Shimazu erlaubt, auszuweichen und Okinawa zu besetzen. Aufgrund eines königlichen Befehls widersetzten sich die Einwohner den Invasoren nicht. Sie verloren zahlreiche Schätze und mussten fortan nicht nur China, sondern auch Japan Tribut leisten. Seitdem war Okinawa nie mehr unabhängig und wurde nach und nach immer stärker an Japan gebunden. Im Jahr 1872 wurde Okinawa zum „Han“ (Lehen) und 1879 schließlich zur japanischen Provinz erklärt.

Während der Tang-Ära bestanden auf Okinawa bereits lokale Traditionen des unbewaffneten Kampfes, die als „Tegumi“ (手組) bezeichnet werden, was übersetzt „greifende Hände” bedeutet. Der Karate-Lehrer Anko Itosu (1832 – 1916) hielt es für möglich, dass die traditionellen okinawanischen Tänze „Moikata“ eine Frühform des Tegumi darstellten. Mit den Handelsbeziehungen der Tang-Ära fand auch ein kultureller Austausch mit China statt. Dabei fanden chinesische Einflüsse ihren Weg in das Tegumi, das mutmaßlich seit dieser Zeit auch Tôde (唐手) „Hand der Tang” genannt wurde. Dabei ist zu beachten, dass „Tôde“ die Diktion der früheren okinawanischen Landessprache Uchinaguchi ist. Japanisch werden die Schriftzeichen „Karate” ausgesprochen und bedeuten übersetzt „Hand aus China“.

Im Jahr 1392 entsandte der chinesische Kaiser Zhu Yuanzhang zur Festigung der Beziehungen und zur weiteren Entwicklung der Insel 36 Familien aus Fujian nach Okinawa. Es ist davon auszugehen, dass zumindest einige Personen aus diesen Familien in den Kampfmethoden ihrer Heimat ausgebildet waren.

Das nächste einschneidende Ereignis in der Historie Okinawas war die bereits erwähnte Invasion der Shimazu im Jahr 1609. Einigen Angaben zufolge erließen die japanischen Eroberer ein Waffenverbot, aufgrund dessen auch waffenlose Kampfkünste nur noch heimlich geübt werden konnten. Dieses angebliche Verbot ist allerdings historisch nicht belegt. Der Historiker Mitsugu Sakihara legt in „A Brief History of Early Okinawa“ dar, dass dieser Annahme wahrscheinlich ein Übersetzungsfehler durch Ifa Fuyu zugrunde liegt, der eine Inschrift auf einem Monument zu Ehren König Sho Shins falsch interpretiert hat. Auf Okinawa regierte Erbadel, welcher – im Gegensatz zum Kriegeradel in Japan – keinerlei Waffen zur Untermauerung seiner Macht nutzen musste. Anko Asato verwies zudem darauf, dass die Regierung in der Hauptstadt Shuri die öffentliche Ausübung von „Bujutsu“ ausdrücklich gestattete.

Nichtsdestotrotz hatten die Shimazu einen bedeutsamen Einfluss auf die Kampfkünste Okinawas. Sie brachten ihre Schwertschule, das Jigen Ryu, nach Shuri. In diesem Zusammenhang zu erwähnen ist Togo Shigemasa (1604-1659), der zusätzlich für Personen, die nicht dem Stand der Samurai angehörten und daher kein Schwert führen durften, einen „Stocktanz“ (Bô Odori) einführte, bei dem Stöcke (Bô) und landwirtschaftliche Geräte zum Einsatz kamen, darunter: Rokushaku Bô, Sanshaku Bô, Tenbin Bô, Ro (Ruder), Shakuhachi (Flöte), Kama (Sichel), Ono (Axt), Suki (Hacke) und Kuwa (Spaten). Es ist anzunehmen, dass dies einer der Ursprünge des Kobudo ist, der bewaffneten Schwesterkunst des Karate. Anzumerken ist auch, dass die Methode der Makiwara-Übung (Schläge und Stöße gegen einen Holzpfahl) im Karate sowohl dem Tategi Uchi des Jigen Ryu, als auch den Übungen am Mu Ren Zhuang („Hölzerner-Mann-Pfahl“, 木人樁) in den chinesischen Künsten gleicht. Laut Anko Asato wurden zudem die Traditionen des Jigen Ryu spätestens seit dem Zeitpunkt um das Jahr 1700 herum durch Haebaru Oyakata auch an Okinawaner unterrichtet.

Die erste schriftliche Erwähnung des Karate ist in dem 1762 von Tobe Ryoen verfassten „Oshima Hikki“ (大島筆記) zu finden. Diese „Notizen von Oshima“ behandeln einen Schiffbruch nahe Tosa und erwähnen einen besonderen Immigranten: den Chinesen Koshankin, welcher als „Kumiaijutsu“ bezeichnete „Grifftechniken“ demonstrierte. Allerdings bleibt seine Person weitgehend im Dunkeln – so ist nicht einmal bekannt, ob Koshankin ein Name oder Titel ist. Sicher ist lediglich, dass eine der bedeutendsten Kata des Karate, die „Kushanku“ mit ihren zahlreichen Varianten (Chibana, Takemura, Shiho, Yara, Dai, Sho) auf ihn zurückgeht. Ein bekannter Schüler des Koshankin war Kanga „Tôde“ Sakugawa (1733-1815). Laut Bishop trainierte er 6 Jahre unter ihm und begann danach, Tôde am Hof in Shuri zu unterrichten. Berühmtester Schüler von Sakugawa ist der Offizier Matsumura „Bushi“ Sokon (1797-1889), der schließlich auch den „Menkyo Kaiden“ (höchster Grad der Meisterschaft) erlangte.

Spätestens seit diesem Zeitpunkt lassen sich zwei große Richtungen des Karate auf Okinawa beschreiben: Shorin Ryu in Shuri und Shorei Ryu in Naha. Während in Shuri der japanische Einfluss durch die Shimazu stark war, wurde Naha aufgrund des Handelshafens eher durch chinesische Einflüsse geprägt. Teilweise wird behauptet, das Shorin Ryu eher für dünne und schwache Personen, Shorei Ryu dagegen für große und kräftige geeignet sei. Diese Interpretation geht auf einen Bericht von Anko Asato zurück, der die Übungen der Mittelschüler in Shuri und Naha miteinander verglich. Letztlich dürfte dies jedoch wohl auf einer Fehleinschätzung beruhen, wie auch die Betrachtung heutiger Kata der Nachfolgelinien (Goju Ryu für Shorei, Shotokan für Shorin) zeigt. Dabei spricht Einiges dafür, dass in Shuri das Prinzip des Gamaku (Fallen des Zentrums) in den Vordergrund der Übung gestellt wurde, während in Naha der Schwerpunkt auf Chinkuchi (Halten der Struktur) lag. Möglicherweise liegen diesen Kategorisierungen aber auch Ungenauigkeiten in den Überlieferungen und Fehlinterpretationen zu Grunde und die Einteilung in Shorin Ryu/Shurite und Shorei Ryu/Nahate ist letztlich ohne inhaltliche Bedeutung.

Matsumura erhielt seine Ausbildung sowohl in der chinesisch, als auch in der japanisch beeinflussten Kampfkunst und vertiefte diese durch Reisen nach Fuzhou (China) und Satsuma (Japan). Das erklärt, warum er zum Stammvater vieler heutiger Karatestile wurde. Seine bekanntesten Schüler waren Anko Asato und Anko Itosu.

Asato war laut Funakoshi Experte nicht nur im Karate, sondern auch im Jigen Ryu, im Bogenschießen und der Reiterei. Allerdings ist außerhalb der Anekdoten, die Funakoshi über seinen Lehrer erzählte, nicht viel über Asato bekannt. Sein Einfluss auf das Shotokan Karate bleibt daher unklar.
 Über Anko Itosu ist mehr bekannt. Er führte an den Schulen Okinawas Karate als Unterrichtsfach ein. Um Grund- und Mittelschüler in großen Gruppen unterrichten zu können, musste er allerdings einige Änderungen vornehmen, die bis heute Nachwirkungen zeigen.
 Itosu standardisierte die Bewegungen in den Kata, gab ihnen einheitliche Namen und vereinfachte spezifische Anwendungen. Zur Schulung grundlegender Bewegungsmuster schuf er aus der heute unbekannten Kata Channan die Pinan-Serie (wahrscheinlich mit Einflüssen aus der Kushanku), das Kihon (Grundtechniken) und das Kihon Kumite (Partnerübung). Auf ihn sind auch die vereinfachten Interpretationen zurück zu führen, wonach ein „Gedan Barai“ (Blocktechnik vor dem Unterleib) nur dazu dient, einen „Mae Geri“ (gerade Tritttechnik) abzuwehren und ein „Oi Tsuki Chudan“ nur einen Fauststoß zum Solar Plexus darstellt.

Diese Übungsformen haben sich anschließend so verbreitet, dass sie heutzutage als „traditionelles Karate“ angesehen werden, obwohl sie eigentlich nur die unterste Stufe der Ausbildung für Kinder darstellten. Zur weiteren Ausbreitung dieser Art des Karate trug der gemeinsame Schüler Asatos und Itosus, Gichin Funakoshi bei, der als eine der ersten Personen in den 1920er Jahren auf den japanischen Hauptinseln Karate unterrichtete. Unterstützt wurde er dabei vom Begründer des Judo, Jigoro Kano. Dieser setzte sich insbesondere in der Dai Nippon Butoku Kai (japanischer Kampfkünsteverband) für die Anerkennung des Karate ein. Eine Folge dieser Entwicklung sind noch stärker vereinfachte Formen und die Einführung des Kyu-Dan Systems mit farbigen Gürteln für unterschiedliche Graduierungen. Beides zeigt seinen Nutzen im Unterricht großer Gruppen und so überrascht es nicht, dass Funakoshis Shotokan Schule sich heute als weltweit am meisten verbreiteter Karatestil betrachten kann. Allerdings beklagte auch er bereits zu Lebzeiten eine Verflachung der Kampfkunst.

Der nach dem Shotokan verbreitetste Stil ist wohl das Goju Ryu von Chojun Miyagi. In Naha geboren, lernte dieser bei Higaonna Kanryo (nicht zu verwechseln mit seinem Bruder „Higaonna Ost“ Kanryu), welcher seinerseits direkt in Fuzhou ausgebildet wurde. Er hatte weitere namhafte Lehrer (Arakaki, Iwah, Wai Xinxian, Ru Ru Ko) und lernte nach Higaonna Kanryos Tod direkt in Fujian; Näheres ist nicht bekannt. Allerdings liegt eine Ausbildung im südlichen Shaolin oder „Weißen Kranich“ nahe, da er die Rokkishu („Sechs Hände“) erlernte und in einer Kata für das Karate formalisierte: Tensho. Miyagi unterrichtete seit 1905 auf Okinawa – ähnlich wie Itosu – Karate an Schulen.

Funakoshi und Miyagi waren nicht die einzigen, die später Karate in Japan unterrichteten. Im Zuge der bereits angesprochenen Anerkennung durch die Dai Nippon Butokukai fand am 25. Oktober 1936 in Naha ein Treffen einiger namhafter Lehrer dieser Zeit statt: Chomo Hanashiro, Chotoku Kyan, Choki Motobu, Chojun Miyagi, Juhatsu Kyoda, Choshin Chibana, Shinpan Shiroma, Chotei Oroku, Genwa Nakasone. Dabei wurde beschlossen, im Zuge der Anerkennung auf den japanischen Hauptinseln die Kanji (Schriftzeichen) für Karate von 唐手 in 空手 zu ändern. Damit wandelte sich die Bedeutung von „Tang“ (唐, China) in „Kara“ (空, leer) und der „Weg der leeren Hand“ (空手道) entstand. Diese politische Entscheidung zum Namenswechsel wurde von Funakoshi aufgegriffen, der die Namen der Kata in seiner Schule anpasste (Pinan – Heian, Kushanku – Kanku, Passai – Bassai, Naifanchi – Tekki, etc.). Warum er beim Treffen ebenso wie Chitose Tsuyoshi, Kenwa Mabuni und Kanken Toyama nicht anwesend war, ist unbekannt.


Toyama ist der Begründer des Shudokan. Er lernte bei einer Reihe verschiedener Meister: Anko Itosu, Anko Asato, Itarashiki, Arakaki, Choshin Chibana, Oshiro, Tana, Yabu Kentsu und Higaonna Kanryo. Nach dieser gründlichen Ausbildung zog er im Alter von 36 Jahren nach Taiwan, wo er die dortigen Kampfkünste für sechs Jahre studierte, bevor er 1930 schließlich nach Japan zurückkehrte und in Tokyo sein Dojo „Shudokan“ („Ort zum Studium des Weges“, 修道館) eröffnete. Aufgrund seiner Verdienste um die Kampfkünste erhielt er 19 Jahre danach von der japanischen Regierung den Titel Meijin („vollendeter Mensch“) und das Recht zugesprochen, jegliche Graduierung in jedem Karatestil zu vergeben. Das er von diesem Recht Gebrauch machte, mag daran liegen, dass Toyama die Einteilung in unterschiedliche Stile nicht unterstützte.

Auch wenn im Karate immer der Kampf geübt wurde, das heißt das Verletzen und gegebenenfalls auch das Töten eines Gegners, stellt die Zeit des Zweiten Weltkrieges ein besonders düsteres Kapitel in der Geschichte des Karate dar. Auch einige namhafte Lehrer haben sich durch menschenverachtende Ausbildungsmethoden und die Tötung Wehrloser schuldig gemacht. Die Entwicklung des Karate zu einer verbreiteten Wettkampfsportart in der Nachkriegszeit dürfte auch durch das Bestreben zu interpretieren sein, nach den Schrecken des Krieges den Kampf auf Leben und Tod durch einen – mehr oder weniger – friedlichen Wettstreit zu ersetzen.

Zusammenfassend lassen sich in der Geschichte des okinawanischen Karate einige Parallelen und Zusammenhänge finden, die auf starke Wurzeln in den chinesischen Kampfkünsten schließen lassen. Die frühen japanischen Einflüsse sind wohl auf das Jigen Ryu beschränkt, während das Karate im Japan des 20. Jahrhunderts stark verändert und jeweils verschiedenen politischen/gesellschaftlichen Entwicklungen angepasst wurde.
 Die Unterschiedlichkeit der Stilrichtungen und Formen des heutigen Karate erweckt bei oberflächlicher Betrachtung den Eindruck, als handele sich um unterschiedliche Kampfkünste bzw. Kampfsportarten. Tatsächlich ist letztlich unerheblich, dass die Techniken und Formen der einzelnen Karatestile von einander abweichen. Entscheidend kommt es vielmehr darauf an, mit welcher inneren Haltung und Wahrnehmung eine Bewegung ausgeführt wird. In diesem Punkt ist Toyama Recht zu geben – laut ihm gab bzw. gibt es nur ein Karate.

Quellen:

Bishop, M. (1999), Okinawan Karate: Teachers, Styles and Secret Techniques


Funakoshi, G. (o. D.), Karate-Do Mein Weg (unbekannter Übersetzer)


Kerr, G. (2000), Okinawa: The History of an Island People


Miyagi, C. (1936), Historical Outline Of Karate-do, Martial Arts of Ryukyu (Zinsoo, S., Trans.). Retrieved March 2010, from http://www.fightingarts.com


Miyagi, C., At The Meeting In 1936 (Zinsoo, S., Trans.). Retrieved March 2010, from http://seinenkai.com


Wittwer, H. (2007), Shotokan – überlieferte Texte & historische Untersuchungen